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  • Michele Lo Chiatto

Irgendwo in Shanghai

Aktualisiert: 2. Feb 2020




Mir gegenüber am Tisch sitzt Ina. Das stufig kurze Haar hängt ihr ins Gesicht. Sie spielt mit der Zunge an dem Ring, der durch ihre Lippe geht. Der Tisch ist lang und am anderen Ende unterhalten sich vier Franzosen. Ich strecke ein wenig den Kopf, um besser in das Wohnzimmer blicken zu können. Auf dem Boden vor dem Fernseher sitzt die chinesische Gastgeberin, um sie herum eine Handvoll ihrer Freunde. Über eine Spielekonsole läuft ein Karaoke-Game auf dem Bildschirm. Einer singt, die andern lachen. Zwei Langnasen fläzen auf dem Sofa. Die beiden Mitbewohner von Ina.


Ina versichert mir noch mal, dass ich am Donnerstag hätte dabei sein sollen.

»Wir waren bis morgens um 5 im Mint. War total krass! Ein reicher Chinese hat eine Champagner Flasche nach der anderen geköpft und alle eingeladen.«

Ich nicke nur genervt. Was interessiert mich der Donnerstag? Ich will jetzt etwas erleben! Ausgemacht war, dass wir kurz auf einer House-Party vorbeischauen und dann in ein paar Bars und später in den Dragon Club weiter ziehen. Nun ist es kurz vor 23 Uhr und wir sitzen immer noch in dieser scheiß Bude. Ganz zu schweigen, dass die anwesenden 13 Personen noch lange keine House-Party sind.


Vor der Wohnungstür wartet eine 13 Millionen Stadt auf mich, in der es so viel Ungesehenes zu entdecken gibt. War ich nicht extra nach Shanghai gefahren, um Neues zu sehen, zu riechen, zu schmecken? Ich wollte mich mitreißen lassen, Grenzen verschieben, die Fesseln der Selbstkontrolle lösen, einfach gesagt, versuchen das Leben als Ganzes zu fassen.

Alleine komme ich aber hier nicht weg. Ein Taxi zu rufen, wenn man nicht chinesisch spricht, unmöglich. Dem Taxifahrer auf der Straße erklären wohin: auf Englisch unmöglich. Ganz abgesehen davon, dass ich nicht alleine losziehen will und von Inas Gastfreundschaft abhänge. Ihre Couch soll mein Nachtlager werden.


»Ina, das ist doch scheiße.«

»Glaubst du, ich will hier abhängen? Aber lass noch etwas warten und hier was trinken. Später gehen wir alle zusammen los.«

»Ok, dann gehe ich mir halt noch was zum Trinken holen. Soll ich dir was mitbringen?«

»Gin Tonic.«

Ich drücke den Stuhl nach hinten und nicke den Franzosen zu. Von denen keine Reaktion. Arschlöcher!



Die lange Neonröhre an der Küchendecke leuchtet alles hell aus. Vom Alkohol keine Spur. Vermute, dass der Kühlschrank was hergeben könnte. In ihm finde ich eine Flasche Gin und Baijiu. Als ich die Kühlschranktür schließe steht Ina neben mir.

»Dachte, ich komme gleich mit.«

Ich lächle ihr zustimmend zu. Leider lassen sich keine Gläser finden und auch Tonic Water und Eis scheinen Mangelware. In einem der Hängeschränke stehen zwei verwaiste Schnapsgläser. Ich drehe mich zum Kühlschrank, öffne ihn erneut und greife die Flasche Gin.

»Gin pur, das ist doch ekelig?«

»Quatsch! Das ist hart.«

Ohne zu zögern, nimmt Ina das Glas. Ich tue es ihr gleich. Unsere Augen und Münder verziehen sich kurz und vor uns stehen zwei leere Gläser. Ich bin angezündet.


In meinem Ohr summt eine Melodie:

»Come on, baby, light my fire

Try to set the night on fire«

Ich schenke sofort nach, will provozieren, endlich die Grenzen verschieben und etwas erleben. Auch diesmal scheint Ina unbeeindruckt. Sie zieht das Glas runter und ich folge ihr. Meine Hand schenkt nach, schon sind die Gläser wieder randvoll. Ina lacht.

»Ist das dein Ernst?«

»Klar! Die Nacht muss brennen.«

»Du bist verrückt.«

Genugtuung, ich war nicht der Erste, der geblinzelt hatte. Ein Hochgefühl stellt sich ein. Endlich langweile ich mich meiner selbst nicht mehr. Das Spiel geht noch einige Runden. Als wir wenig später die Küche verlassen, ist die Flasche Gin halb leer.


Bevor wir den Tisch erreichen ruft Ina von hinten: »Lass mal zum Sofa.«

Die Chinesen sitzen immer noch vor dem Fernseher und singen. Im Beat des Lieds pumpt der Alkohol mächtig in meinem Blut. Lasse mich neben Ina und ihre zwei Mitbewohner auf das Sofa fallen. Vergessen ist die Sorge, das Leben zu verpassen. Bin ganz bei mir selbst und fühle mich wohl. Ich spüre leichten Stolz auf mein Draufgängertum. Euphorie. Atme tief. Es geht mir gut.


»Geht es dir gut?«, fragt einer der Mitbewohner.

»Alles bestens«, raune ich zurück.

»Ina, er sieht ganz schlecht aus«, wendet sich der Mitbewohner nun an Ina.

»Er hat zu viel getrunken, gib ihm doch was. Du weißt doch was er braucht.«

Was brauche ich denn? Der soll mich einfach kurz in Ruhe lassen. Ich muss nur mal durchatmen. Einen Moment für mich sein. In diesem Augenblick beginnen die Dumplings vom Abendessen in meinem Magen Autoscooter zu fahren. Einige verirren sich in die Speiseröhre. Feste schlucken, dann würde ich es den Rowdys schon zeigen. Alles eine Frage des Willens. Aber mein Wille ist schon gut benebelt. Meine Hände vergraben sich im Polster des Sofas. In meinem Bauch haben die Rowdys nun ihre großen Brüder geholt und die Kirmesschlägerei ist in vollem Gange. Ich springe auf und renne ins Bad. Das ist nicht so einfach, wenn der Boden unter den Füßen einem Laufband gleicht, das quer steht.



Ich stoße die Tür zum Badezimmer so stark auf, dass sie hinter mir wieder zu fällt. Als ich mein Gesicht im Wandspiegel sehe, fällt es mir schwer mich selbst zu erkennen, so weiß ist es. Auf das Waschbecken gestützt halte ich mich auf den Beinen. Die Meute in meinem Bauch ist nun zur Achterbahn weitergezogen. Langsam ziehen sich die aneinander gereihten Wagen der Bahn nach oben, ein Moment des Stillstands und dann saust die braune Masse auf den Badezimmerspiegel. Ich verstehe nicht, was passiert. Erneuter Brechreiz und das Waschbecken ist gefüllt. Die Flüssigkeit läuft nicht ab, die Brocken in ihr haben den Abfluss verstopft.


Denken geht nur schlecht. Aber eins ist klar: Das muss weg. Das Handtuch neben dem Waschbecken scheint mir genau das richtige Mittel. Mit einer unkoordinierten Bewegung reibe ich mit ihm über den Spiegel. Nun habe ich das Braun auch dorthin verteilt, wo es zuvor noch nicht war, und das Handtuch verschmutzt. Alter, wie dumm kann man sein? Zumindest das Handtuch muss verschwinden.

Ich taumele Richtung Badewanne. Aus dem Fenster? Verdammt, es gibt keins. Die Toilette? Ja, die Toilette ist groß genug. Hinein damit und gut gespült. Wenige Augenblicke später schwimmen mir Wasser und Reste der Dumplings entgegen.

In meinem Unterbewussten hämmert der Refrain:

»If I was to say to you

Girl, we couldn't get much higher.«

Ich kann mich nicht mehr auf den Beinen halten und lasse mich auf den Boden sinken. Es klopft an der Tür und Inas Stimme ruft: »Ist bei dir alles in Ordnung?«

Ich denke nicht. Ich hatte versucht die Welt zu greifen, nun riss sie mich mit, bei ihrem Tanz um sich selbst.



Nur mit Gewalt bekomme ich die verlebten Augen auf. Durch metallene Jalousien dringt Licht. Wo bin ich? Sicher weiß ich lediglich, hier riecht es nach Kotze. Oder rieche ich nach Kotze? Ich versuche mich etwas aufzurichten. Besser nicht. Brauche mich aber auch nicht umzusehen, um zu merken, dass ich komplett bekleidet auf einem Bett liege. Selbst meine Winterjacke und die Schuhe habe ich an. Mein Körper möchte sterben und ich kann es ihm nicht verdenken. Zwinge mich trotz des Karussells in meinem Kopf, auf meine Uhr zu sehen. Gott sei Dank, mein Zug ist noch nicht weg. Aber wieder hinlegen geht nicht, sonst schaffe ich es nicht rechtzeitig. Mit aller Kraft stemme ich mich auf die Ellenbogen. Erst jetzt sehe ich die hautfarbene Strumpfhose neben mir, unter der ein weißer Slip hindurch schimmert. Oberhalb der Pobacken folgt ein schwarzes Top. Ina.

Mit einem Mal sind die Bilder der vergangenen Nacht wieder da. Will mich schämen, habe aber größere Probleme und lasse es.

»Ina, ich gehe los.«

Etwas Grunzendes kommt zurück.


Ich stolpere durch die Wohnung, stehe im Aufzug mit einer kleinen Frau, kämpfe mich aus dem abgesparten Compound, laufe die Straße hoch und falle in ein Taxi, die Karte mit dem chinesischen Zeichen für Bahnhof schon in der Hand. Wenige Kreuzungen später ist der Wagen auf einer der Schnellstraßen, die hoch über der Stadt auf Stelzen Richtung Bahnhof führen. Von der Stadt sehe ich nichts. Halte meine Augen geschlossen, um die Übelkeit zu bekämpfen. Wo war mein Verlangen ungesehenes zu entdecken? Wo war mein Lebenshunger? Ein schwerer Kater ist wie Sterben üben. Ich will mich nur zurückziehen. Alles von außen ist zu viel und schmerzt. Ich mache keine Pläne für morgen. Habe keine Angst etwas zu verpassen. Hoffe nur, dass es nicht schlimmer wird. Alkohol? Nie wieder!


Als ich den Ticketschalter in der Bahnhofshalle erreiche, habe ich das Gefühl, weit gekommen zu sein. Jetzt nur noch die Fahrkarte nach Wuxi kaufen und es bis zum Zug schaffen. In dem Schalter, der für mich frei wird, sitzt eine junge Frau.

»Nǐhǎo. Can I get a ticket for the train to Wuxi, please?«

Sie versteht mich. Erleichterung! Auf dem Display erscheinen der richtige Ort und Betrag. Unter stechenden Kopfschmerzen zähle ich die Scheine zusammen und schiebe sie durch den kleinen Schlitz im Fenster. Ich bedanke mich, greife das Ticket und drehe mich zum Gehen und bleibe dann doch noch mal stehen.

»Sorry, I forgot. I would also like to have a return ticket from Wuxi to Shanghai for next Saturday.«


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